Literaturkreis 2022/23

mit Birgit Elke Schumacher

donnerstags, von 9.30 Uhr bis 11 Uhr, im Oldenburger Kunstverein

Ab 15. September 2022, 8 Termine:

Russische Familiengeschichten.
Irina Scherbakowa und Keith und Masha Gessen

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Es ist ein weites Thema. Masha Gessen vergleicht die Literatur über Russland mit dem Elefanten aus einer indischen Fabel: sechs Blinde versuchen, ihn zu beschreiben. Der eine ertastet den Kopf, der andere nur den Rüssel. Und so gelingt es keinem, das ganze Tier zu beschreiben. Eine lohnende Spur beim Thema Russland ist es, verschiedene Familiengeschichten zu lesen, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute reichen.

Die Historikerin, Übersetzerin und Publizistin Irina Scherbakowa folgt in Die Hände meines Vaters den Spuren ihrer Familie. Es ist eine Suche, die mit einem Foto aus dem Jahr 1910 beginnt. Sie endet im Jahr 1991, mit der Auflösung der Sowjetunion.

Keith Gessen führt uns mit seinem Roman Ein schreckliches Land in das Russland von heute. Andrej, Jungakademiker, Slawist, kehrt nach Moskau zurück. Dort wurde er geboren und verließ das Land mit seinen Eltern 1981 als Kind. Bruder Dima, der in Russland als Geschäftsmann erfolgreich ist, muss überstürzt das Land verlassen. Nun soll sich der in Amerika lebende jüngere Bruder um seine Großmutter Baba Sewa kümmern. So gelingt dem Autor ein Blick nicht nur von außen auf den russischen Alltag der Generation, die in der Lage sein sollte, die innere Lage des Landes zu verstehen.

Masha Gessen, die Schwester von Keith Gessen, ist zweimal ausgewandert. Das zweite Mal unter dem Druck der politischen Situation der letzten Jahre. Sie lebte von 1994 bis 2013 in Moskau als kritische Publizistin. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher über soziologische, politische und geschichtliche Themen. Die Zukunft ist Geschichte ist das Buch, das die Zeit zwischen dem Niedergang des Sowjetregimes und dem Beginn der Repressionswelle ab 2012 behandelt. Dabei findet sie einen erzählerischen Weg, um möglichst viele Aspekte der Veränderungen in Russland einzufangen. Sie recherchiert sechs Geschichten von Menschen der Anfang bis Mitte der 90er geborenen Generation. Es ist ihr besonders wichtig, den Krieg gegen die Sozialwissenschaften aufzuzeigen. Das schadete nicht nur der Wissenschaft. Das Regime nahm den Menschen nicht nur die Freiheit, „sondern auch die Fähigkeit, wirklich zu verstehen, was ihnen vorenthalten wurde und wie das geschah“, so Masha Gessen im Prolog des Buches

Wir lesen:
Irina Scherbakowa. Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte. Taschenbuchausgabe oder gebundene Ausgabe.
Keith Gessen: Ein schreckliches Land.
Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Taschenbuchausgabe oder gebundene Ausgabe.

Ab 15. September 2022, 8 Termine, 80 Euro

Anmeldung per Telefon 0441 – 6001055 oder unter birgit.schumacher@ewetel.net

Es gelten die dann aktuellen Vorschriften für Gruppen und Hygieneregeln.

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donnerstags, von 9.30 Uhr bis 11 Uhr, im Oldenburger Kunstverein

Ab 12. Januar 2023, 4 Termine:

Ulrike Draesner: Schwitters

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Schwitters? Kurt Schwitters? 1887 bis 1948 hat er gelebt, erst in Hannover, dann in Norwegen und ist 1948 in Kendal als gerade eingebürgerter Engländer gestorben.

Er verkörpert so gar nicht den Künstlertyp und doch ist er einer der Namen, die mit dem Dadaismus in Verbindung gebracht werden. War er mehr? War er etwas ganz anderes als Künstler?

Wie ist so ein Dadaist, ein Nonkonformist privat als Mensch? Er hat über 13 Jahre an seinem Merzbau im eigenen Haus gearbeitet, das sich über mindestens eine Etage in ein Kunstwerk verwandelte. Die Kunstgeschichte schweigt über die enge Verzahnung von Leben und Werk. Kurt Schwitters war verheiratet mit Helma Fischer, hatte zwei Söhne. Ernst, 1918 geboren, der überlebende der beiden Kinder, wird später der Hüter des Werkes.

Ulrike Draesner begibt sich in ihrem Roman in die Innensicht. Sie zeigt das Leben in Hannover, die Tricks, mit denen Schwitters Familie der Überwachung durch das politische System begegnet und Beschlagnahmung der Werke nach 1933 verhindert.

Ulrike Draesner ist eine sehr vielseitige Autorin und sie hat als Lyrikerin einen besonders genauen Umgang mit den Wörtern und der Sprache. Dies ist in ihrem neuesten Roman Schwitters besonders zu spüren und zu genießen. Es sind Kurt Schwitters Jahre ab etwa 1933 noch in Hannover, dann 1937 in Norwegen, wohin er ins Exil flüchtet. Lange hat er gezögert. Er lässt sein Kunstprojekt, den Merzbau, zurück, der über Jahre in seinem Haus gewachsen ist. Von Norwegen 1940 Flucht vor den deutschen Truppen, Internierung in verschiedenen Lagern in Großbritannien bis Kriegsende.

Ulrike Draesner beleuchtet nicht nur das Werk, sondern auch die besonderen Bedingungen, die es erst ermöglichten. Sie betreibt keine Heldenverehrung. Eigentlich ist Schwitters Werk ein Teamwork zwischen Kurt und seiner ersten Ehefrau Helma und später übernimmt seine englische Lebensgefährtin Edith Thomas deren Stelle. Auch der Sohn Ernst hat Anteil an der „Marke“ Schwitters.

Das Werk von Kurt Schwitters wurde erst in den 60er Jahren zunehmend gewürdigt. Im Expojahr 2000 gab es eine große Ausstellung in Schwitters Heimatstadt Hannover unter dem Titel Merz. Das ist Schwitters Wortfindung. Es bedeutete Schönheit und kann aus allem entstehen und jederzeit gefunden werden. Außerdem reimt es sich, auf Herz und Schmerz. Schwitters arbeitet mit den Mitteln der Collage, auch dreidimensional (Assemblage). Er überschreitet die Grenzen zu Musik und Literatur in seinen Texten und mit seiner Ursonate.

Ulrike Draesner, Jahrgang 1962, ist Romanautorin, Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Sie hat die englischen Dichterinnen Louise Glück, H.D. (das ist Hilda Doolittle) und Gertrude Stein ins Deutsche übertragen. Draesner studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie, promovierte 1992.

Ab 12. Januar 2023, 4 Termine, 40 Euro

Anmeldung per Telefon 0441 – 6001055 oder unter birgit.schumacher@ewetel.net

Es gelten die dann aktuellen Vorschriften für Gruppen und Hygieneregeln.